
Süssmost statt Schnaps
Was hat Alkohol mit Gewalt zu tun? Frauenorganisationen wie der Schweizerische Bund abstinenter Frauen (SBAF) prangern Anfang des 20. Jahrhunderts Alkoholkonsum als Ursache häuslicher Gewalt an. Sie leben abstinent, sehen sich als Vorbilder und leisten vielfältige Präventionsarbeit.
Kampf dem Alkohol
Mit der Industrialisierung verändert sich im 19. Jahrhundert das Trinkverhalten. Lange Arbeitstage mit nur kurzen Pausen, prekäre Wohnverhältnisse, Armut und wirtschaftliche Unsicherheiten deprimieren Arbeiter:innen. Zugleich wird der Schnaps immer billiger.
Der zunehmende Alkoholkonsum weckt Ängste. Bürgerliche fürchten um die Produktivität der arbeitenden Bevölkerung, die Kirchen sehen den Glauben und die Sexualmoral in Gefahr. Auch Sozialist:innen erblicken im Alkohol ein Hindernis für die Revolution.
In dieser Zeit verändert sich auch der medizinische Blick auf den Alkoholkonsum. Während Alkohol lange Zeit als Heilmittel galt, erklärt die Medizin die Trunksucht zu einer Krankheit, die entsprechend behandelt werden kann. Die «Alkoholfrage» wird damit gesellschaftlich, politisch und wissenschaftlich breit diskutiert. Auch entstehen zahlreiche Organisationen, die sich der Bekämpfung der «Volkskrankheit» Alkoholismus verschreiben.

Alkohol als Ursache von Gewalt

Frauenorganisationen machen um 1900 auf die fatalen Folgen des Alkoholkonsums für Frauen und Kinder aufmerksam. Sie argumentieren, Ehemänner und Väter verprassten den Lohn im Wirtshaus, so dass kaum mehr genug Geld für die Familie bleibe. Auch gelten Alkoholexzesse der Männer als Ursache für Gewalttätigkeit.
Dieses Problems beschäftigt den 1902 gegründeten Schweizerischen Bund abstinenter Frauen (SBAF). Die vorwiegend aus dem Bürgertum stammenden Mitglieder sehen im Alkohol eine Gefahr für die Familie und erklären ihn zum Feind. Mit Vorträgen und Getränkeständen klären sie die Bevölkerung über die schädliche Wirkung des Alkoholkonsums auf. Explizit thematisieren sie Gewalt an Frauen und Kindern in ihren Publikationen und Flugblättern. Alkohol bietet ihnen eine Möglichkeit, Gewalt in der Familie zu problematisieren.
«Wenn wir ihn einlüden, bittet Frau S., möchten wir sie doch ja nicht verraten, da er imstande wäre, sie aus Wut zu töten.»
Frauen, heiratet keine Trinker!

Die Freiwilligen der Zürcher Fürsorgestelle für Alkoholkranke gehen auf Hausbesuche in den Arbeiterquartieren. Dort erzählen ihnen Betroffene von den «alkoholischen Ausschreitungen» der Ehemänner und Väter.
Auch der SBAF berichtet in seinem Publikationsorgan «Wegweiser» über die Alkoholnot. Eindrücklich wird geschildert, wie der «Schnapsteufel» die Menschen entmenschliche und sie gleichsam zum Tier werden liesse. Betrunkene Männer seien übergriffig, gewalttätig und zerstörerisch. Nach Auffassung der Aktivist:innen lässt sich diesen Problemen nur durch Abstinenz begegnen.
Die freiwillig Engagierten richten ihre Erwartungen nicht nur an die Männer, sondern auch an die Frauen. Zwar erkennen sie die ökonomischen Zwänge, die viele Frauen dazu bewegen, bei ihren trinkenden Ehemännern zu bleiben. Allerdings sehen sie die Frauen in einer Mitverantwortung und ermahnen sie, keine Trinker zu heiraten. Auch sollten sie auf Alkohol verzichten, die Kinder vom Alkoholkonsum abhalten und sich der Abstinenzbewegung anschliessen. Um gesellschaftliche Missstände zu beheben, muss man nüchtern sein.

Vorkämpferin für Abstinenz: Hedwig Bleuler-Waser

1902 gründet Hedwig Bleuler-Waser (1869–1940) zusammen mit weiteren Engagierten der Frauenbewegung den SBAF, den sie jahrelang präsidiert. Nach der Hochzeit mit dem Psychiater Eugen Bleuler entscheidet sich die promovierte Deutsch- und Geschichtslehrerin gegen eine Stelle als Dozentin an der Universität Zürich. Die Alkoholfrage und das freiwillige Engagement in der Abstinenzbewegung sind ihr wichtiger.
«Auf andere Art und Weise vermögen wir es ja ohne Stimmrecht nicht zu tun.»
Mit dem Küchenauto zur politischen Mitsprache
Die Arbeit des SBAF ist äusserst vielseitig. Seine Mitglieder, die sich in 94 Ortsgruppen organisieren, sind mit Saft- und Teeausschank-Ständen an Messen und Festen präsent, sammeln Geld für Heilstätten für Alkoholkranke, klären Kinder und Jugendliche in Schulen über die schädliche Wirkung des Alkohols auf und bieten ihnen Freizeitprogramme an. Sie organisieren Süssmost- und Dörraktionen, an denen Früchte zu alkoholfreien Produkten verwertet werden, und sie betreiben alkoholfreie Gastwirtschaften.
Die Ortsgruppe Basel schafft sich 1924 ein Küchenauto an, mit dem sie auf Baustellen und vor Fabriken Arbeiter:innen mit gesunden, alkoholfreien Mahlzeiten und Getränken versorgt. In Genf, Moutier, Saint-Sulpice, Vallorbe und anderen Orten der Westschweiz finanzieren Freiwillige ihre Aktionen, Publikationen und Projekte mit regelmässigen Flohmärkten. Diese haben den Vorteil, dass sie ärmeren Familien günstiges Einkaufen ermöglichen.
Der öffentliche Auftritt braucht Mut. Mit Ortsgruppen in Weinbaugebieten und Ständen in der Nachbarschaft von Schnapsbrennereien exponieren sich die Mitglieder des SBAF. Durch ihre Präsenz an lokalen Weinlesefesten setzen sie sich Spott und Anfeindungen aus.
Doch der Mut zahlt sich aus. Gerade in ländlichen Gebieten ist der SBAF oft der einzige Frauenverein und bietet der weiblichen Bevölkerung Vernetzungsmöglichkeiten und Zugang zu politischer Bildung. Diese nutzen sie, um auf politischem Weg gesetzliche Veränderungen zu erreichen.
Kann Verzicht
politisch sein?
Erholungsräume für Soldaten – ohne Schnaps

Nach der Generalmobilmachung während des Ersten Weltkriegs gründet der SBAF zusammen mit anderen Abstinenzvereinen und gemeinnützigen Organisationen den Schweizer Verband Soldatenwohl. Innert kurzer Zeit werden mehr als tausend sogenannte Soldatenstuben eröffnet, vor allem dort, wo Truppen dauerhaft stationiert sind. Betrieben werden sie von freiwillig arbeitenden Frauen, den «Soldatenmüttern».
Die Stuben sollen alkoholfreie Aufenthaltsräume sein, in denen Truppenangehörige ohne Konsumzwang lesen, spielen und schreiben können. Es werden günstige Alternativen zu alkoholischen Getränken und gesundes Essen angeboten. So soll der verbreitete Alkoholkonsum in den Truppen bekämpft und die Zusammengehörigkeit gestärkt werden.
Aus dem Schweizer Verband Soldatenwohl geht später die SV Group hervor, die heute zahlreiche Personalrestaurants, Mensen und Cateringangebote betreibt. In vielen ihrer Betriebe wird heute Alkohol ausgeschenkt.
Bier, aber kein Schnaps für Hunderttausende Besucher:innen

Im Spätsommer 1928 findet in Bern erstmals die Schweizerische Ausstellung für Frauenarbeit (SAFFA) statt. Den Organisator:innen geht es angesichts der schwierigen Lage erwerbstätiger Frauen in den Nachkriegsjahren darum, ihre vielseitigen Tätigkeiten im Beruf, in der Familie, Forschung und Gemeinnützigkeit zur Schau zu stellen. Durch die Sichtbarmachung ihrer Beteiligung an der Volkswirtschaft und Gesellschaft soll auch für die politischen Rechte der Frauen geworben werden. Die SAFFA wird zu einem grossen Erfolg, etwa 800'000 Personen besuchen die Ausstellung.
Der SBAF ist Mitorganisator und nutzt die Gelegenheit, um für eine alkoholfreie Gesellschaft zu werben. Mit Installationen, Filmen und Diashows preisen engagierte Frauen ihre Aktionen und Hilfstätigkeiten an.
Im Vorfeld der SAFFA kommt es unter den Organisator:innen zu einer Kontroverse um eine Bierhalle. Sie sind sich uneinig, ob die Ausstellung alkoholfrei sein soll. Den Weinbauer:innen zum Beispiel ist es wichtig, ihre Arbeit auszustellen. Einige Walliser:innen kämpfen sogar für eine Weinstube. Dagegen wehrt sich der SBAF. Nach langem Hin und Her fällt der Entscheid für den Ausschank alkoholischer Getränke. Kurz nach der Eröffnung der SAFFA wird dann wegen des grossen Andrangs zusätzlich eine Bierhalle errichtet. Der SBAF protestiert erfolglos. Immerhin kann er durchsetzen, dass es keinen Schnaps gibt.
Weiterlesen
Auderset, Juri; Moser, Peter: Rausch und Ordnung. Eine illustrierte Geschichte der Alkoholfrage, der schweizerischen Alkoholpolitik und der Eidgenössischen Alkoholverwaltung (1887–2015), Bern 2016.
Trechsel, Rolf: Abstinenzbewegung, in: Historisches Lexikon der Schweiz, 21.1.2015, Stand: 18.08.2026.
Zürcher, Regula: Von Apfelsaft bis Zollifilm. Frauen für die Volksgesundheit, Hünibach 1996.








