
Abtreibungshelferin aus Solidarität
Sie berät Frauen und versorgt sie mit Verhütungsmitteln. Wenn nötig, verhilft sie ihnen auch zu einer Abtreibung und übernimmt die Kosten dafür. 1915 wird Margarethe Hardegger deswegen verurteilt.
Angeklagt!
Am späteren Nachmittag des 28. Mai 1915 nehmen fünf Polizisten Margarethe Hardegger in ihrem Haus im Berner Länggassquartier fest und bringen sie in Untersuchungshaft. Am nächsten Morgen wird sie vor den Untersuchungsrichter geführt. Sie habe den Schwestern Rosa Bigler und Hilda Burkhalter zu Abtreibungen verholfen und davon finanziell profitiert. Gewerbemässige Beihilfe zur Abtreibung wird in dieser Zeit mit Gefängnis bestraft.
Gerade Arbeiter:innen, die weder Geld noch Zeit haben, in liberalere Kantone wie etwa Genf zu reisen, sind auf Unterstützung in ihrer Nähe angewiesen. Dass Margarethe Hardegger eine zentrale Anlaufstelle ist, spricht sich herum und wird ihr schliesslich zum Verhängnis.
Das Gerichtsverfahren stösst auf grosses öffentliches Interesse. Mit Hardegger wird einer bekannten Persönlichkeit der Prozess gemacht.
Abtreibungspraxis, Zeitschriftenredaktion und Putzmittelfabrik

In ihrem Haus im Berner Länggassquartier, das Margarethe Hardegger von ihren Eltern geerbt hat, kommen die Themen Abtreibung, häusliche Gewalt und Flüchtlingshilfe unter einem Dach zusammen.
Zunächst ist der Pflugweg 5 das Zuhause von Margarethe Hardegger, ihrem Mann August Faas und den gemeinsamen Töchtern Olga und Lisa. Nach der Scheidung lebt Margarethe Hardegger dort mit ihren Töchtern und dem neuen Partner Heinrich Wagner. Zeitweise wohnen noch weitere Personen in der Wohngemeinschaft, unter anderem russische Studierende und ausländische Kriegsdienstverweigerer.
Der Pflugweg 5 bietet Raum für politische Diskussionen, ist aber auch Ort für Sprechstunden. Jeweils am Montagnachmittag berät Hardegger Frauen gratis in Sachen Verhütung und Abtreibung. Sie unterstützt sie aber auch bei häuslicher Gewalt, Scheidung, Krankheiten und finanziellen Belangen. In einem Nebenzimmer führt ein Arzt aus Genf sporadisch Abtreibungen durch.
Gleichzeitig ist das Haus Redaktionsstätte für die Zeitschrift «Der Sozialist», die Margarethe Hardegger zusammen mit Heinrich Wagner herausgibt. Daneben produzieren die beiden das Reinigungsmittel «Bodolin», um ihr freiwilliges Engagement zu finanzieren. Den beissenden Geruch des Bodolins registrieren auch Spitzel, die regelmässig den Pflugweg 5 observieren. Sie notieren über mehrere Jahre, wer dort ein und aus geht.
Gut vernetzte Kämpferin für Frauenrechte

Nach einer Ausbildung zur Telefonistin absolviert Margarethe Hardegger die Matura und studiert Jura. 1905, inzwischen Mutter von zwei Töchtern, wird sie die erste Arbeitersekretärin des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes.
Neben ihrer Berufsarbeit engagiert sie sich als Freiwillige: Sie kämpft für das Frauenstimmrecht und die Mutterschaftsversicherung, setzt sich für Sexualreformen ein, gründet verschiedene Zeitschriften und arbeitet in zahlreichen internationalen Organisationen mit. Durch ihre unterschiedlichen Tätigkeiten ist Hardegger im In- und Ausland breit vernetzt.
«Mein Ehemann ist ein ganz liederlicher und arbeitsscheuer Bursche, welcher […] auch gegenwärtig wieder eine sechsmonatliche Korrektionshausstrafe […] verbüsst. Da ich für den Unterhalt der 5 Kinder grösstenteils selbst sorgen musste und ich mich neuerdings in schwangerem Zustande befand, so kam ich in Verzweiflung und griff zu diesem verbrecherischen Mittel.»
Zwei Frauen belasten sie
Ende Mai 1915 wird Margarethe Hardegger verhaftet. Zwei Frauen, denen sie zur Abtreibung verholfen hat, belasten sie. Beide schildern ihre missliche Lebenslage in der Zeugenbefragung.
Rosa Bigler gibt zu Protokoll, dass sie nach der Scheidung von ihrem Mann mit ihrem Schwager Friedrich Wüthrich Geschlechtsverkehr hatte. Er habe sie zur Abtreibung gedrängt, was dieser später vor Gericht bestreitet. Auch Hilda Burkhalter verweist auf ihre «unglückliche Ehe», aus der bereits fünf Kinder hervorgegangen seien. Weil ihr Mann immer wieder im Gefängnis sitze, müsse sie diese allein erziehen.
Nach der Verhaftung von Margarethe Hardegger befragen die Untersuchungsbehörden weitere Zeug:innen und sammeln Beweismaterial. Rosa Bigler und Hilda Burkhalter werden nach einigen Tagen wegen ihrer familiären Verpflichtungen vorzeitig aus der Untersuchungshaft entlassen. Nicht so Hardegger, die ebenfalls zwei Kinder zuhause hat. Sie versucht bestmöglich, ihre familiären Aufgaben und Pflichten aus der Untersuchungshaft heraus zu erfüllen.
Zehn Monate Haft für einen Akt der Solidarität

Margarethe Hardegger wird wiederholt in den Gerichtssaal geführt und mit neuen Untersuchungsergebnissen konfrontiert. Zwar gesteht sie, dass sie seit 1914 drei Frauen zu einer Abtreibung verholfen hat. Doch sie weigert sich, den Namen des Arztes zu nennen, der ihr dabei geholfen hat. Auch bestreitet sie vehement, dass sie mit den Abtreibungen Geld verdient hat.
Am 14. Juni 1915, nach zweieinhalb Wochen Untersuchungshaft, nimmt Margarethe Hardegger in ihrem «Verteidigungsmemorial» Stellung zur Anklage. Darin beklagt sie das bestehende Abtreibungsverbot und legt dar, weshalb sie den Frauen geholfen hat. Nicht «Gutherzigkeit» motiviere sie, sondern «die Abtragung einer inneren Pflicht, als Sozialist». Ausserdem sei sie über ihre Mutter und ihr Studium früh mit den Nöten von Arbeiter:innen und mit Ungerechtigkeiten in Kontakt gekommen. Die Richter nehmen weder die politischen Beweggründe noch die Frauensolidarität zur Kenntnis. Sie verurteilen Hardegger im August 1915 zu 10 Monaten Haft.
Aus den Gerichtsakten



Auch hinter Gittern kämpft sie weiter

Margarethe Hardegger und der Zürcher Arzt Fritz Brupbacher sind langjährige Kampfgefährten. Beide engagieren sich für die Geburtenregelung und Sexualreform. Sie schreiben sich Briefe und treffen sich sporadisch.
Als Margarethe Hardegger 1915 im Frauengefängnis Hindelbank ihre Strafe verbüsst, schreibt sie einen Brief an Fritz Brupbacher. Darin kündigt sie den Besuch einer jungen Frau an, die ihn für eine Nachbehandlung aufsuchen werde. Auch wenn nicht explizit von einer Abtreibung die Rede ist, deuten die Zeilen stark darauf hin. Trotz Verurteilung setzt sie ihr Engagement also fort. Auch die Gefängnismauern können sie davon nicht abhalten.
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Weiterlesen
Bochsler, Regula: Ich folgte meinem Stern. Das kämpferische Leben der Margarethe Hardegger, Zürich 2004.
Boesch, Ina: Gegenleben. Die Sozialistin Margarethe Hardegger und ihre politischen Bühnen, Zürich 2003.
Ruoss, Matthias: Judging voluntariness. Abortion assistance around 1900, in: Rethinking History 29 (1), 2025, S. 71-88.

