
Aufklärung für alle!
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts sind Verhütungsmittel kaum zugänglich und oft fehlt Wissen über ihre Anwendung. Doch besonders für Arbeiter:innen kann ein weiteres Kind grosse Not bedeuten. Das sozialistische Ärztepaar Fritz und Paulette Brupbacher vermittelt deshalb Wissen über Verhütung und führt Abtreibungen durch.
«Werter Herr Doktor und Genosse»
Ein 16-Stunden-Arbeitstag in der Fabrik, fünf Kinder, kaum Geld und ein betrunkener Ehemann zuhause: In dieser Lage befinden sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts viele Frauen. Eine weitere Schwangerschaft stürzt sie in existentielle Not. Doch es fehlt an Wissen, wie eine solche verhindert werden kann.
Eine Anlaufstelle ist die 1901 eröffnete Praxis von Fritz Brupbacher an der Badenerstrasse 249 in Zürich. Ab 1923 führt er die Praxis gemeinsam mit seiner späteren Ehefrau Paulette Brupbacher. Dort halten die beiden Sprechstunden und geben Verhütungsmittel ab. Arbeiter:innen nützen das unentgeltliche Beratungsangebot rege. Viele wenden sich auch brieflich an die Brupbachers.

«Ich wäre Ihnen nun von ganzem Herzen dankbar, wenn Sie die Geschichte dann aus der Welt schaffen könnten.»
Solidarische Verbündete
Abtreibungen sind im liberalen Zürich in den 1920er-Jahren zwar in gewissen Situationen erlaubt. Da der legale Weg aber hürdenreich und sehr belastend ist, werden viele Abtreibungen illegal durchgeführt – meist von Hebammen, teils von Ärzt:innen, manchmal auch von Schwangeren selbst.
Obwohl viele Abtreibungshelfer:innen geübt vorgehen, setzen sich Schwangere bei einem illegalen Schwangerschaftsabbruch hohen Risiken aus.
Fritz Brupbacher führt nicht nur Abtreibungen in seiner Praxis durch, sondern setzt sich ab den 1920er-Jahren zusammen mit Paulette Brupbacher auch öffentlich für eine Legalisierung ein. Das Paar ist in diesem Kampf nicht allein. Unter den Zürcher Ärzt:innen engagieren sich beispielsweise auch Betty und David Farbstein sowie Minna Tobler-Christinger für den straflosen Schwangerschaftsabbruch.
Dass die Brupbachers Schwangerschaftsabbrüche durchführen, spricht sich herum. Als Sozialist:innen sind Fritz und Paulette Brupbacher in Arbeiter:innenkreisen bekannt. Man vertraut ihnen und sucht ihren Rat.
Mit ihrem freiwilligen Engagement gehen die Brupbachers ein grosses Risiko ein. Gerät ein Brief in falsche Hände, kann er vor dem Gesetz gegen sie verwendet werden. Ärzt:innen schliessen sich deshalb in Netzwerken zusammen und schützen sich gegenseitig.
Persönliche Nöte und vertrauliche Fragen

Auch bei Verhütungsfragen wenden sich viele Menschen an die Brupbachers. Die gängigste Verhütungsmethode ist der Coitus interruptus. Dieser ist aber genauso unsicher wie andere Methoden, etwa das vaginale Einführen von Schwämmen, die mit verschiedenen Mitteln getränkt sind, das Ausspülen der Vagina nach dem Geschlechtsverkehr mithilfe einer sogenannten «Frauendusche» oder der Gebrauch wiederverwendbarer Kondome.
Die Briefe der Ratsuchenden geben intime Einblicke in ihre Lebensrealitäten, Unsicherheiten und Sorgen. In vielen Fällen sind es Männer, die den Brupbachers schreiben. Sie fragen nach Informationen für ihre Frauen, Freundinnen, Schwestern und Töchter. Dabei fällt auf, wie gut sie über den weiblichen Zyklus Bescheid wissen.
Die Ratsuchenden sind davon abhängig, dass die Brupbachers ihnen zurückschreiben. Gerade darum versprechen sie Diskretion, betonen ihre politische Verbundenheit und versuchen, Verständnis für ihre missliche Lage zu erwecken.
Briefe an Fritz Brupbacher



Wer sind die Brupbachers?

Fritz Brupbacher und Paulette Raygrodski stammen beide aus gut situierten Familien. Er wächst in Zürich auf, sie in Pinsk, das zu dieser Zeit zum Zarenreich gehört. Fritz Brupbacher studiert Medizin in Zürich, wird aber aufgrund eines Referats gegen einen frauenfeindlichen Gynäkologen nicht zur Promotion zugelassen. Paulette Raygrodski promoviert 1907 als eine der ersten Frauen in Bern in Philosophie und studiert anschliessend in Genf Medizin.
Fritz Brupbacher eröffnet 1901 seine Arztpraxis im Zürcher Arbeiterquartier Aussersihl. Daneben engagiert er sich in der Sozialdemokratischen Partei. Zwar identifiziert er sich stark mit der Arbeiterklasse, seine Lebensrealität unterscheidet sich aber von der seiner Patient:innen.
Ab 1923 führen Brupbacher und Raygrodski die Praxis in Zürich-Aussersihl gemeinsam. Getragen von ihren sozialistischen Überzeugungen setzen sie sich insbesondere für eine selbstbestimmte Familienplanung und die Emanzipation der Frauen ein.
Codewort «Gummiwaren» für Verhütungsmittel

Sexualität kann zu Beginn des 20. Jahrhunderts nicht frei gelebt werden. Die bürgerliche Gesellschaft und die katholische Kirche lehnen die Empfängnisverhütung ab. In ihren Augen gilt sie als Anreiz zu unmoralischer Lebensführung. Auch sind Verhütungsmittel für viele zu teuer.
Verhütungsmittel dürfen nicht öffentlich beworben werden. Aus diesem Grund werden sie in Prospekten und Zeitungen unter kryptischen Namen wie «Gummiwaren» angepriesen.
Die zahlreichen Briefe der ratsuchenden Arbeiter:innen an die Brupbachers zeigen, dass diese Prospekte und Flugblätter rege zirkulieren und ein breites Interesse an Informationen zu Verhütung besteht. Die vielen neuen Methoden, aber auch fehlendes Wissen über die Empfängnisverhütung, werfen jedoch Fragen auf. Deshalb wenden sich Arbeiter:innen an die Brupbachers, um Einschätzungen über die Verlässlichkeit der verschiedenen Verhütungsmittel zu erhalten.
Darf Freiwilligkeit
verboten sein?
Anonyme Fragen aus dem Publikum

Neben diversen Publikationen halten Fritz und Paulette Brupbacher regelmässig Aufklärungsvorträge. Im Anschluss daran kann das Publikum anonym Fragen auf kleine Zettel schreiben.
Die Zettel bleiben zum Teil erhalten und befinden sich im Nachlass von Fritz Brupbacher im Schweizerischen Sozialarchiv. Sie geben einen Einblick in die Themen, welche die Zuhörer:innen beschäftigen.
Besonderes Interesse besteht an Fragen rund um die Sexualität. Viele wollen wissen, was ein sogenannter «(ab)normaler Geschlechtstrieb» ist und in welchem Ausmass Selbstbefriedigung schädlich sei. Andere nutzen aber auch die Möglichkeit, um Fragen zur Verhütung zu stellen.



Weiterlesen
Gafner, Lina: Mit Pistole und Pessar. Sexualreform und revolutionäre Gesellschaftskritik im Zürich der 1920er- und 1930er-Jahre, Nordhausen 2010.
Herzog, Tabea: Mit Genossengruss zur Geburtenregelung, in: Ludi, Regula; Ruoss, Matthias (Hg.): Freiwillig arbeiten. Geschlechtergeschichten, Zürich 2023 (Aether 9), S. C1–C14.

