
Solidarität mit Ungarnflüchtlingen
Der Ungarnaufstand von 1956 löst in der Schweiz eine riesige Solidaritätswelle aus. Tonnen von Hilfsgütern werden gesammelt und mehrere Millionen Franken gespendet. Getragen wird die sogenannte Ungarnhilfe von der antikommunistischen Stimmung während des Kalten Krieges. Doch die Hilfe hat auch Grenzen.
Eine Welle der Solidarität
Ende Oktober 1956 erhebt sich die ungarische Bevölkerung gegen die kommunistische Regierung. Der Volksaufstand wird innert weniger Wochen mit Hilfe sowjetischer Truppen brutal niedergeschlagen. Tausende Ungar:innen verlieren ihr Leben, Hunderttausende suchen Schutz im Ausland. Im Westen ist die Bestürzung gross. Flüchtlinge aus Ungarn werden mit offenen Armen empfangen.
Überall in der Schweiz schliessen sich Menschen zusammen, um den Ungar:innen zu helfen. Schulkinder stricken Decken und sammeln Geld. Zürcher Bauern spenden tonnenweise Kartoffeln und Äpfel. Die «Studentische Direkthilfe Schweiz Ungarn» fährt mit Bussen nach Budapest, um «Liebesgaben» zu liefern und Flüchtlinge in die Schweiz zu holen. Und der Bundesrat garantiert die unkomplizierte Aufnahme von 10 000 Flüchtlingen. In den folgenden Monaten heisst die Schweiz tausende Flüchtlinge aus Ungarn willkommen.
Die Hilfsbereitschaft der Schweizer Bevölkerung ist beispiellos. Sie fügt sich nahtlos in den Antikommunismus der Zeit. Die breite Solidarität mit den ungarischen Flüchtlingen geht mit der Verteufelung der Sowjetunion einher. Auch den Bundesbehörden kommt die Ungarnhilfe gelegen. Sie verleiht der Neutralitätspolitik einen humanitären Anstrich und hilft, das asylpolitische Versagen der Schweiz während des Holocaust zu kompensieren.

«Liebesgaben» für Ungarn



Mit dem Lastwagenkonvoi nach Budapest

Wenige Tage nach Beginn des Ungarnaufstandes am 23. Oktober 1956 rufen Studierende der Universität Zürich zur Unterstützung protestierender Kommiliton:innen in Budapest auf. Studierende weiterer Schweizer Universitäten schliessen sich dem Aufruf bald an. Die «Studentische Direkthilfe Schweiz Ungarn» ist geboren. In Zürich organisiert die Vereinigung eine Protestkundgebung, führt eine Blutspendeaktion durch und sammelt Lebensmittel und Medikamente. Sie bringt die Hilfsgüter mit einem Lastwagenkonvoi nach Wien und von dort weiter nach Ungarn. Für den Transport steht auch ein Privatflugzeug zur Verfügung.
Einige Studierende bleiben in Wien und bauen dort eine Koordinationsstelle auf. Die Organisation der Gütertransporte erfordert Verhandlungen mit Hilfswerken vor Ort.
In der Schweiz zeigen sich die Studierenden kreativ beim Sammeln von Spenden. Während vier Tagen im November fungieren ETH-Studierende auf der Tramstrecke zwischen Hauptbahnhof Zürich und Bellevue als Billettkontrolleur:innen. Jede Fahrt kostet zusätzlich 50 Rappen. Im Dezember werden «Guezlis» gebacken und in die Flüchtlingslager an der österreichisch-ungarischen Grenze transportiert. Die Erlöse aus dem Verkauf von bemalten Kerzen werden gespendet.
Ein ungarisches Studentenheim im Zürcher Kreis 1
Die Studentische Direkthilfe Schweiz Ungarn beschliesst anfangs November 1956, 20 ungarischen Studierenden die Fortführung ihres Studiums in der Schweiz zu ermöglichen. Die Auswahl der Studierenden ist nicht einfach. Aus Not geben sich viele Flüchtlinge als Studierende aus.
Für die Unterbringung der ungarischen Studierenden stellt ein privater Gönner der Studentischen Direkthilfe Schweiz Ungarn ein Haus in der Zürcher Altstadt zur Verfügung. Zusammen mit einer Schulklasse und unterstützt von zahlreichen Spender:innen richten die Studierenden das Haus für die Neuankömmlinge her. So entsteht das Studentenheim «Zum gelben Schnabel».
Doch schon bald platzt das Studentenheim aus allen Nähten. Die Studentische Direkthilfe Schweiz Ungarn sucht weiteren Wohnraum und bringt die stetig wachsende Zahl an Studierenden auch in provisorischen Auffanglagern und bei Privaten unter. Die Solidarität hat aber auch Grenzen. Die Studentische Direkthilfe Schweiz Ungarn ist stets misstrauisch und befürchtet, dass sich als Flüchtlinge getarnte kommunistische Spione einschleichen könnten.
Wie man einen Molotowcocktail mixt

Im aufgeheizten Klima des Antikommunismus zeigt die Solidarität mit dem Volksaufstand in Ungarn bald auch ihre hässliche Seite. Sympathiebekundungen schlagen in Hetzkampagnen, Panikmache und Aufrufe zur Gewalt um. Im Dezember 1956 verteilen Aktivisten der Aktion Niemals Vergessen, eine im Zuge des Ungarnaufstandes gegründete antikommunistische Gruppe von Berner Studenten, 15 000 Anleitungen zur Herstellung von Molotowcocktails an Passanten in Bern. Der Bauanleitung liegen ein Draht, ein Wattebausch und eine Kapsel mit leicht brennbarer Flüssigkeit bei. Ganz im Sinne der Geistigen Landesverteidigung soll die Bevölkerung auf die bewaffnete Verteidigung der Demokratie gegen den kommunistischen Aggressor vorbereitet werden.
Der militante Antikommunismus richtet sich auch gegen den angeblichen Feind im Innern. Die Partei der Arbeit (PdA) und einzelne ihrer Mitglieder werden zum Ziel einer üblen Hetzkampagne. In mehreren Städten verwüsten gewalttätige Mobs Parteilokale der PdA.
Die antikommunistischen Aktionen können mit dem Wohlwollen der Behörden rechnen. Die Schweizerische Filmwochenschau zeigt 1957, wie in Kursen des Unteroffiziersverbandes der Einsatz von Molotowcocktails zur Abwehr von sowjetischen Panzern geübt wird. Mitglieder des militanten Flügels der Ungarnhilfe schliessen sich dem Schweizerischen Aufklärungsdienst an, einer privaten antikommunistischen Vereinigung, die sich in den Dienst der Geistigen Landesverteidigung stellt. Auch gründen sie rechtsbürgerliche Vereinigungen wie Pro Libertate.
Wer entscheidet,
wer Hilfe verdient?
Die Ironien der Geschichte

Für viele ist die Ungarnhilfe ein Sprungbrett in die Politik. So auch für die 20-jährige Studentin Elisabeth Iklé aus Muri bei Bern. Sie stammt aus bürgerlichen Verhältnissen. Um sich in der Ungarnhilfe zu engagieren, hängt sie ihr Rechtsstudium an der Universität Zürich vorübergehend an den Nagel. Unter anderem kocht sie im Studentenhaus «Zum gelben Schnabel» für die ungarischen Kommiliton:innen. Sie schliesst sich in dieser Zeit auch der Freisinnigen Partei an.
Knapp 30 Jahre später wird Elisabeth Kopp-Iklé, inzwischen verheiratet und freisinnige Nationalrätin, als erste Frau in den Bundesrat gewählt. Als Vorsteherin des EJPD verfolgt sie in den 1980er-Jahren eine restriktive Asylpolitik. Das hat ihr bei den politischen Gegner:innen den Namen «Iron Lady» der Flüchtlingspolitik eingetragen. Wie Elisabeth Kopp ist ein Teil der politischen Elite der 1970er- und 1980er-Jahre durch die Ungarnhilfe politisiert worden. Viele haben führende Positionen in antikommunistischen Vereinigungen übernommen. Dazu gehören Peter Arbenz, 1973–1983 Präsident des Schweizerischen Aufklärungsdienstes und Delegierter für das Flüchtlingswesen unter Elisabeth Kopp, sowie der spätere SP-Nationalrat und VPOD-Präsident Walter Renschler.
«Wir hoffen, im nächsten Jahr nur noch liebe, nette, fügsame Flüchtlinge zu betreuen und wünschen Ihnen in diesem Sinne alles Gute zum Jahreswechsel.»
Die Stimmung kippt schnell

Die anfänglich fast euphorische Welle der Solidarität verebbt schnell. Die scheinbar bedingungslose Hilfsbereitschaft der Bevölkerung hält nur wenige Wochen an. Auch die unkomplizierte Aufnahme ungarischer Flüchtlinge wird bald hürdenreicher.
Schon nach kurzer Zeit sind die freiwilligen Helfer:innen müde und ernüchtert. Sie sehen sich in ihren Erwartungen getäuscht. Statt der erhofften Familien kommen junge Männer an. Trotz der vielen Kleiderspenden wollen die Flüchtlinge mit ihrem Taschengeld neue Kleider kaufen. Helfer:innen klagen über Integrationsprobleme. Stimmen werden lauter, die verlangen, man solle lieber vor Ort helfen, als weitere Flüchtlinge in der Schweiz aufzunehmen. Im Verlauf des Jahres 1957 fordern Hilfswerke Flüchtlinge gar dazu auf, die erhaltenen Gaben zu retournieren und Geldbeträge zurückzuzahlen.
Auch die Spendenbereitschaft der Schweizer:innen nimmt rasch ab. Der wohl letzte Aufruf der Aktion Niemals Vergessen an einem Fussballspiel der Berner Young Boys gegen Vasas Budapest bringt gerade einmal 690 Franken ein.

Weiterlesen
Buomberger, Thomas: Die Schweiz im Kalten Krieg 1945–1990, Baden 2017.
Robert, Tiphaine: Des migrantes et des revenants. Une histoire des réfugiées et réfugiés hongrois en Suisse (1956–1963), Neuchâtel 2021.
Tréfás, David: Die Illusion, dass man sich kennt. Schweizerisch-ungarische Beziehungen zwischen 1945 und 1956, Zürich 2008.














