
Kirche als Asyl
Was haben Kirchen mit zivilem Ungehorsam zu tun? Im ausgehenden 20. Jahrhundert formiert sich in kirchlichen Kreisen Widerstand gegen die Ausschaffungspolitik der Schweizer Bundesbehörden. Kirchen und Kirchgemeindehäuser werden zu sicheren Unterkünften für Asylbewerbende umfunktioniert und Freiwillige setzen sich gegen Ausschaffungen ein.
16 Kirchgemeinden leisten Widerstand
Mit Beginn der Jugoslawienkriege anfangs der 1990er-Jahre flüchten Tausende in die Schweiz. Viele gehören der kosovo-albanischen Minderheit an, deren Autonomie ab 1989 durch Serbien schrittweise eingeschränkt wird. Doch bereits im Spätsommer 1993 erhalten viele kosovo-albanische Flüchtlinge in der Schweiz Rückweisungsentscheide. Der Bundesrat hält die Rückkehr in den Kosovo für zumutbar. NGOs sind anderer Meinung. Sie weisen darauf hin, dass serbische Milizen und Sicherheitskräfte systematisch Menschenrechtsverletzungen an der kosovo-albanischen Bevölkerung begehen.
In kirchlichen Kreisen formiert sich Widerstand gegen die Asylpolitik des Bundes. Im Herbst 1993 schliessen sich im Kanton Bern 16 Kirchgemeinden zusammen und organisieren ein Kirchenasyl. In ihren Räumlichkeiten richten sie ein provisorisches Zuhause für betroffene Familien und Einzelpersonen ein.
«Es handelt sich beim Kirchenasyl um einen Gewissensentscheid, der über die geltende Rechtsordnung gestellt werden muss.»
Woher kommt die Idee des Kirchenasyls?

Das Kirchenasyl hat verschiedene, teils bis in die Antike zurückreichende Traditionen. Es beruht auf dem Grundsatz, dass geweihte Orte Schutz vor dem Zugriff staatlicher Gewalt bieten. Die Berner Kirchgemeinden lassen sich unter anderem vom «Sanctuary Movement» in den USA inspirieren. Als Akt des zivilen Ungehorsams bieten dort zahlreiche kirchliche Gemeinschaften Flüchtlingen aus Zentralamerika einen «sicheren Hafen» und protestieren damit gegen die restriktive Asylpolitik unter dem republikanischen Präsidenten Ronald Reagan.
Auch in der Schweiz gibt es Vorbilder. In Zürich-Seebach unterstützt die reformierte Kirche 1985 den Widerstand chilenischer Flüchtlinge gegen eine drohende Ausschaffung. In Bern entsteht ein Jahr später ein Kirchenasyl für Tamil:innen.
Gleichzeitig organisiert die autonome Linke Ende der 1980er-Jahre nach Verschärfungen des schweizerischen Asylrechts ein «Refugium» für Flüchtlinge. Mit diesem Akt des zivilen Ungehorsams will sie das Bleiberecht für die Flüchtlinge erwirken. Zwar ist auch die St.-Jakob-Kirche beim Stauffacher in Zürich eine Station des mehrere Monate andauernden und von einem zum anderen Ort ziehenden «Wanderrefugiums» von 1994, doch zur Kirche geht die Bewegung auf Distanz.
«Ich habe ein Alibiphon und möchte Euch bitten, wirklich die Nachrichten auf Band zu sprechen, damit nichts untergeht. Ich versuche nach Möglichkeit in der nötigen Zeit zurückzurufen.»
Alltag im Ausnahmezustand

Nach dem ersten Aufruf der Berner Paulusgemeinde am 14. September 1993 bildet sich innerhalb von drei Tagen ein «Asyl-Team» von rund 20 Personen, das anfangs zehn Asylsuchenden Schutz bietet. Die freiwillige Arbeit bedarf grosser Koordination. Wer deckt das Nachtessen auf und wer übernimmt den Kontakt zu Gemeinden und Behörden? Regelmässig organisiert das Team sogenannte Asyl-Kuchen, die dem Informationsaustausch dienen. Hinzu kommen Deutschkurse für Schutzsuchende und ganz alltägliche Angelegenheiten wie das Auftreiben eines Pyjamas.
Das «Asyl-Team» und der Kirchgemeinderat der Paulusgemeinde tragen eine grosse Verantwortung. Die Situation ist brenzlig, denn die freiwilligen Helfer:innen müssen jederzeit mit einer polizeilichen Räumung rechnen. Wenn es drängt, trifft man sich auch mitten in der Nacht. Akribisch werden Anwesenheitspläne und Telefonlisten geführt. Das alles geschieht in ständiger Alarmbereitschaft.


«Das Asyl-Team ist eine sehr bunte Gruppe. Die Mitglieder sind zwischen ca. 25 und 85 Jahre alt, haben äusserst unterschiedliche berufliche Hintergründe, bemerkenswert divergierende Ansichten über so viele andere Fragen, und sind doch motiviert, sich dem Flüchtlingsproblem gemeinsam zu widmen.»
Ein gedeckter Tisch auf dem Bundesplatz

Der Berner Regierungsrat beschliesst Mitte Oktober 1993 die Ausschaffung von rund 300 Kosovo-Albaner:innen, darunter auch Schutzsuchende im Kirchenasyl. Daraufhin organisieren kirchliche Kreise einen Solidaritätsgottesdienst in der Heiliggeistkirche in Bern, an dem rund 800 Personen teilnehmen. Im Anschluss daran gehen sie mit Fackeln zum Bundeshaus. Als symbolischer Akt tragen sie einen gedeckten Tisch auf den Bundesplatz und laden die Bundesbehörden zum Gespräch ein. Doch die Aktion findet kein Gehör. Die Verantwortlichen stellen sich der Diskussion nicht.
Auch die Berner Kantonsregierung hat keinen Redebedarf. Die Wegweisungsentscheide sind beschlossen und müssen vollzogen werden. Allerdings meldet sie, dass es keine «Razzia» im Kirchenasyl geben wird. Die Ausschaffungsentscheide sollen stattdessen im Dialog mit den involvierten Kirchgemeinden umgesetzt werden.

Zwischen Zuspruch und Morddrohungen

Die freiwillig Engagierten im Kirchenasyl erhalten viel Zuspruch und Unterstützung aus der Bevölkerung. Auch die Solidarität in der Gemeinde ist gross. Gleichzeitig ist das politische Klima angespannt, Fremdenfeindlichkeit ist verbreitet. Beide Einstellungen zum Kirchenasyl spiegeln sich in den Briefen an die Freiwilligen. Zwischen zahlreichen positiven Zuschriften finden sich auch Morddrohungen. Doch die Einschüchterungsversuche laufen ins Leere. Die Freiwilligen engagieren sich mutig weiter.
Was zählt mehr:
Gesetz oder Gewissen?
Doch nicht ausgeschafft
Das freiwillige Engagement für das Kirchenasyl ist rechtlich heikel. An einer Sitzung des Kirchgemeinderats der Berner Paulusgemeinde, an der es um eine Beteiligung am Kirchenasyl geht, wird die Frage der Legalität aufgeworfen. Die Antwort lautet: «Ein Kirchenasyl gibt es juristisch nicht. […] Wer sich auf keinen Fall der Strafverfolgung aussetzen will, sollte nicht einwilligen!» Allerdings ist bekannt, dass frühere Strafverfahren im Zusammenhang mit dem Kirchenasyl meist mit Freisprüchen endeten. Zudem ist die Repression gegenüber Helfenden deutlich geringer als gegenüber den involvierten Flüchtlingen. So beschliesst der Kirchgemeinderat einstimmig die Beherbergung von Asylbewerber:innen in den Räumlichkeiten der Berner Paulusgemeinde.
Tatsächlich erhalten einige der freiwilligen Helfer:innen Strafanzeigen. Dennoch ist das Kirchenasyl ein Erfolg. Die Flüchtlinge können bleiben, auch weil Mazedonien im Herbst 1993 die Transitvereinbarung mit der Schweiz kündigt. Damit ist die einzige Route für die Ausschaffung der Flüchtlinge in den Kosovo gekappt. In den nächsten sechs Jahren verlängert der Bund das Aufenthaltsrecht von Kosovo-Albaner:innen immer wieder – allerdings jeweils nur um wenige Monate. Die Flüchtlinge müssen weiter um ihren Aufenthalt bangen. Erst im April 1999 wird allen Personen, die ihren letzten Wohnsitz im Kosovo hatten, der Status «vorläufige Aufnahme» zugesprochen.
1995 werden alle laufenden Strafverfahren gegen freiwillig Engagierte im Kirchenasyl eingestellt.
Weiterlesen
Kälin, Walter: Asyl, in: Historisches Lexikon der Schweiz, 26.11.2002, Stand: 18.08.2026.
Pärli, Jonathan: Die andere Schweiz. Asyl und Aktivismus 1973–2000, Konstanz 2024.
Portmann-Tinguely, Albert; von Cranach, Philipp: Flüchtlinge, in: Historisches Lexikon der Schweiz, 07.01.2016, Stand: 18.08.2026.







