Leben retten – notfalls mit illegalen Mitteln

Während die Schweiz im Zweiten Weltkrieg eine restriktive Flüchtlingspolitik verfolgt und die Hilfswerke offiziell an ihrer politischen Neutralität festhalten, gehen einzelne Freiwillige eigene Wege. Sie widersetzen sich den offiziellen Anweisungen, leisten Fluchthilfe und versuchen Politik und Behörden zum Handeln zu bewegen.

Die Schweiz will keine jüdischen Flüchtlinge

Seit der nationalsozialistischen Machtübernahme in Deutschland im Jahr 1933 fliehen politisch Verfolgte und Jüdinnen und Juden in grosser Zahl ins Ausland. Die Schweiz ist ein wichtiges Zielland für die Schutzsuchenden. Wie andere europäische Staaten verschärft sie bereits in den 1930er-Jahren Schritt für Schritt die Einreisebestimmungen für Flüchtlinge.

Antisemitismus ist auch in der Schweiz weit verbreitet. Seit den 1930er-Jahren schürt der Überfremdungsdiskurs der Behörden Ängste vor den Zufluchtssuchenden. Als sich die Flüchtlingskrise 1938 weiter zuspitzt, drängt der Bundesrat die deutsche Regierung, die Einreise jüdischer Staatsangehöriger in die Schweiz zu verhindern. Das Ergebnis ist die Einführung des J-Stempels zur Markierung der Pässe von Jüdinnen und Juden aus dem «Dritten Reich».

Bereits im Sommer 1942 sind die Schweizer Behörden über die Judenvernichtung informiert. Trotzdem schliesst der Bundesrat die Grenze. Jüdische Flüchtlinge werden nicht als politische Flüchtlinge anerkannt, an der Grenze abgewiesen und damit in den sicheren Tod geschickt.

Einzelpersonen, Hilfswerke und die jüdische Gemeinde der Schweiz wehren sich gegen die restriktive Asylpolitik. Sie protestieren, versuchen Ausnahmen für bestimmte Gruppen von Schutzsuchenden zu erwirken und leisten Einzelnen Hilfe.

«Ich bin im Ganzen den Protesten abhold. Ich glaube aber, dass es Fälle gibt, wo man einfach nicht schweigen darf. Eigentlich sollten ja schon längst die Steine schreien.»
–
Georgine Gerhard

Georgine Gerhard konfrontiert den Bundesrat

Georgine Gerhard (links) zusammen mit anderen Frauenrechtlerinnen
Georgine Gerhard (links) zusammen mit Hilde Vérène Borsinger (Mitte) und Anne de Montet-Burckhardt (rechts), zwei zentralen Figuren der Frauenbewegung

Die Lehrerin Georgine Gerhard (1886–1971) ist in der Zwischenkriegszeit sehr aktiv in der schweizerischen Stimmrechtsbewegung und in der internationalen Frauenfriedensbewegung. Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme in Deutschland engagiert sie sich für Flüchtlinge aus dem «Dritten Reich». Sie setzt sich bei den Bundesbehörden für eine liberale Asylpolitik ein und ist in der Flüchtlingshilfe tätig. 1934 gründet sie die Basler Hilfe für Emigrantenkinder, die sie präsidiert. Ein Jahr später geht daraus das Schweizer Hilfswerk für Emigrantenkinder hervor.

Georgine Gerhard versteht Flüchtlingshilfe als eine politische Aufgabe. Sie setzt sich bei Behörden und Parlamentariern unermüdlich für eine humanitäre Asylpolitik ein. Auch sucht sie passende Pflegeeltern für Flüchtlingskinder und organisiert die Unterstützung durch Hilfswerke, um Flüchtlingen den Aufenthalt zu garantieren. Dafür nutzt sie ihre Kontakte zur nationalen und internationalen Frauenbewegung.

Helfen erlaubt, einmischen unerwünscht

Brief von Georgine Gerhard an das Zentralsekretariat des SHEK, 21. Januar 1939, Schweizerisches Bundesarchiv

Das Schweizerische Hilfswerk für Emigrantenkinder (SHEK) kümmert sich in den 1930er-Jahren um Kinder jüdischer Flüchtlinge aus Frankreich. Seit der Machtübernahme der Nationalsozialisten im Jahr 1933 emigrieren viele Jüdinnen und Juden in die europäischen Nachbarländer. In Frankreich finden fremdenfeindliche Bewegungen immer mehr Zulauf. Noch vor Kriegsbeginn schränkt die französische Regierung die Aufnahme von Asylsuchenden stark ein. Flüchtlinge werden zur Ausreise gedrängt oder müssen untertauchen. Gemeinsam mit dem Schweizerischen Arbeiterhilfswerk organisiert das SHEK «Kinderzüge», die vom Krieg und den politischen Ereignissen traumatisierten Kindern zwei- bis dreimonatige Erholungsaufenthalte in der Schweiz ermöglichen.

Mit der Verschärfung der Flüchtlingskrise versuchen die Behörden, jüdische Kinder von den «Kinderzügen» auszuschliessen. Georgine Gerhard gelingt es 1938, Heinrich Rothmund, Chef der Fremdenpolizei, davon zu überzeugen, 300 jüdische Kinder aus einem Frankfurter Waisenhaus in die Schweiz einreisen zu lassen. Dieser Erfolg ist als «300-Kinder-Aktion» in die Geschichte eingegangen.

In der Flüchtlingshilfe sind überdurchschnittlich viele Frauen engagiert. Hilfstätigkeit und Fürsorge werden geschlechterideologisch Frauen zugeschrieben. Die Flüchtlingshilfe gilt deshalb als unpolitisches Betätigungsfeld. Doch die Flüchtlingshelferinnen nutzen diese Zuschreibungen geschickt, um politisch Einfluss zu nehmen.

Behörden behandeln jede politische Intervention zugunsten der Asylsuchenden als unerwünschte Einmischung. Das SHEK fügt sich dem Willen der Behörden. Es beschränkt die Hilfe für Flüchtlingskinder aus dem spanischen Bürgerkrieg auf finanzielle Leistungen. Aus demselben Grund konzentriert es sich nach 1939 auf die Unterstützung von Flüchtlingskindern in der Schweiz.

Georgine Gerhard teilt diese Haltung nicht. Sie kritisiert das SHEK für dessen mangelnden Widerstand gegen die Auflagen der Behörden. Damit distanziert sie sich vom Gebot der politischen Neutralität des humanitären Engagements.

Die Kinderhilfe des Schweizerischen Roten Kreuzes in Frankreich

Lieferung des Rot Kreuz Lastwagens nach La Hille, ca. 1943, Archiv für Zeitgeschichte

1942 unterstellt der Bundesrat die Kinderhilfe dem Schweizerischen Roten Kreuz (SRK). Sie untersteht damit einer strikteren Kontrolle durch die Bundesbehörden und verliert an Autonomie.

Im unbesetzten Teil Frankreichs betreibt die Kinderhilfe des SRK rund ein Dutzend Heime. Dort engagieren sich viele junge, freiwillige Helfer:innen aus der Schweiz. Sie betreuen die Kinder und Jugendlichen, organisieren unter erschwerten Bedingungen die Versorgung der Heime mit Lebensmitteln und kümmern sich um Kontakte zu den lokalen Behörden. Auf den Helfer:innen lastet eine grosse Verantwortung.

Ab dem Sommer 1942 sind jüdische Kinder von der Deportation in Vernichtungslager bedroht. Doch das SRK schränkt den Handlungsspielraum der Helfer:innen durch strenge Auflagen und das Gebot der politischen Neutralität stark ein.

Das stürzt viele Mitarbeiter:innen in einen Gewissenskonflikt. Sollen sie sich an die Regeln halten oder dem Gebot der Menschlichkeit folgen? Einige widersetzen sich den Anweisungen und verstecken jüdische Kinder und Jugendliche, um sie vor der Verhaftung zu schützen. Andere verhelfen ihnen zur Flucht oder begleiten die Schutzsuchenden sogar bei der illegalen Einreise in die Schweiz.

Freiwillige SRK-Mitarbeiterin und Fluchthelferin

Anne-Marie Im Hof-Piguet, ohne Datum, Archiv für Zeitgeschichte

Anne-Marie Im Hof-Piguet (1916–2010) entscheidet sich nach Abschluss des Geschichtsstudiums, als freiwillige Helferin in ein Kinderheim des Schweizerischen Roten Kreuzes nach Frankreich zu gehen.

Sie arbeitet zunächst in einem Heim in Montluel bei Lyon, später in La Hille im Südwesten Frankreichs. An beiden Orten ist Anne-Marie Piguet für die Lebensmittelversorgung zuständig. Als sich die Lage für Jüdinnen und Juden in Frankreich drastisch verschlimmert, bittet die Leitung von La Hille den Bundesrat um die Aufnahme der jüdischen Heimbewohner:innen. Die Anfrage bleibt unbeantwortet. Anne-Marie Piguet beschliesst deshalb, den bedrohten Jugendlichen zur Flucht in die Schweiz zu verhelfen. Ihre Kontakte zu lokalen Bauern und Lebensmittellieferanten erweisen sich dabei als äusserst hilfreich.

Fluchtpläne werden geschmiedet

Anne-Marie Piguet nimmt ihre Arbeit im Schloss La Hille bei Toulouse im Mai 1943 auf. Dort leben nur jüdische Kinder aus Deutschland und Österreich. Ihre Eltern sind in französischen Internierungslagern gefangen oder bereits in nationalsozialistische Vernichtungslager verschleppt worden. Als Anne-Marie Piguet in La Hille ankommt, sind die Deportationen auch im Süden Frankreichs voll im Gang. Fast täglich finden Razzien auf Jüdinnen und Juden statt.

Auch die Kinder in den Heimen des SRK sind nicht mehr sicher. Nur die Flucht in die Schweiz kann sie noch retten. Anne-Marie Piguet knüpft Kontakt zu Victoria Cordier, die in der französischen Résistance gegen die deutsche Besatzung kämpft. Mit ihrer Unterstützung schleust sie die Jugendlichen in die Schweiz.

Reiseroute durch das besetzte Frankreich

Gemeinsam mit Victoria Cordier plant Anne-Marie Piguet eine Fluchtroute. Diese führt von La Hille über Toulouse und Lyon zum Kinderheim Montluel des SRK. Dort gibt es dank Anne-Marie Piguets Kontakten zur Heimleitung eine sichere Übernachtungsmöglichkeit für die Jugendlichen. Von Montluel führt die Fluchtroute weiter nach Champagnole, wo Victoria Cordier die Flüchtlinge empfängt und nach Chapelle-des-Bois in der Nähe der Schweizer Grenze begleitet. Cordiers Mutter besitzt dort ein Haus inmitten des Sperrgebietes, wo sich die Flüchtlinge verstecken können.

Über einen steinigen Pfad erreichen die Jugendlichen die Grenze hoch auf dem Mont Risoud. Auf der Schweizer Seite wartet Anne-Marie Piguets Vater in einer Waldarbeiterhütte und nimmt die Flüchtlinge in Empfang, um sie anschliessend bei sich zuhause in Le Sentier unterzubringen. Anne-Marie Piguets Mutter begleitet die Flüchtlinge schliesslich in der Bahn nach Zürich zum Flüchtlingspfarrer Paul Vogt, der dafür sorgt, dass sie in der Schweiz legal angemeldet werden. Zwischen September 1943 und Mai 1944 rettet Anne-Marie Piguet auf diesem Weg neun jüdische Jugendliche aus La Hille.

Die Fluchtroute ist gefährlich. Überall lauern Gefahren. An der Grenze droht die Rückweisung und auch nach dem Grenzübertritt sind die Flüchtlinge nicht sicher. Werden sie aufgegriffen, droht ihnen umgehend die Ausschaffung, wenn nicht gar die Übergabe an französische oder deutsche Beamte. Für jüdische Flüchtlinge bedeutet das den sicheren Tod.

Die Flucht vom Schloss La Hille

Aussenaufnahme des Schlosses La Hille
Karteikarte eines Schützlings von Anne-Marie Im Hof-Piguet
Das Haus der Familie Cordier

Netzwerk im Untergrund

Auch in der Ostschweiz existiert ein klandestines Netzwerk von Fluchthelfer:innen. Nach dem «Anschluss» Österreichs ans «Dritte Reich» forcieren die Nazis die Vertreibung der Jüdinnen und Juden. Um deren Einreise in die Schweiz zu verhindern, verhängt der Bundesrat im August 1938 eine partielle Grenzsperre gegen Flüchtlinge aus dem ehemaligen Österreich. Mit der Unterstützung des St. Galler Polizeikommandanten Paul Grüninger organisiert die orthodoxe Jüdin Recha Sternbuch illegale Einreisen von Asylsuchenden. Lokale Obstbauern, einige Grenzwächter und Schlepper auf beiden Seiten der Grenze schmuggeln jüdische Flüchtlinge in die Schweiz. Sie bringen sie in Obst- und Gemüsewagen nach St. Gallen, wo Recha Sternbuch die als Kartoffellieferungen getarnten Flüchtlingstransporte in Empfang nimmt.

Paul Grüninger sorgt für die Legalisierung der Flüchtlinge, indem er ihnen offizielle Einreisepapiere ausstellt, datiert mit einer Zeit vor der Grenzsperre. Paul Grüninger wird deswegen 1939 vom Dienst suspendiert und erst zwanzig Jahre nach seinem Tod rehabilitiert.

Recha Sternbuch setzt ihre Rettungsarbeit auch während des Zweiten Weltkriegs fort. Sie beherbergt Flüchtlinge bei sich zuhause, beschafft ihnen gefälschte Papiere und versucht Jüdinnen und Juden auf diplomatischem Weg aus Konzentrationslagern «freizukaufen». Dafür geht sie auch unheilige Allianzen ein. Zusammen mit ihrem Ehemann Yitzchok gelingt es ihr, Altbundesrat Jean-Marie Musy als Vermittler einzuspannen – einen Ultrakonservativen, der in den 1930er-Jahren Sympathien für die frontistische Bewegung in der Schweiz hegte. 1944 reist er im Auftrag der Sternbuchs zu Verhandlungen nach Berlin. Durch eine Freikaufaktion gelingt im Februar 1945 die Befreiung von 1200 Jüdinnen und Juden aus dem Ghetto Theresienstadt.

Wer ist Recha Sternbuch?

Recha Sternbuch, ohne Datum, in: Wallace, In the Name of Humanity. The Secret Deal to End the Holocaust, S. 24.

Recha Sternbuch und ihr Mann Yitzchok führen eine Textilfabrik in St. Gallen. Sie sind lokal und in jüdisch-orthodoxen Kreisen gut vernetzt und vermögend. Sie nutzen diese Ressourcen, um möglichst viele Jüdinnen und Juden vor der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik zu retten, auch mit illegalen Mitteln.

Zweimal wird Recha Sternbuch deswegen verhaftet. Beide Male wird sie mangels Beweisen aus der Untersuchungshaft entlassen bzw. freigesprochen. Es gelingt den Behörden nicht, ihr die Namen von anderen Helfer:innen zu entringen.

Gemeinsam schafft es das Ehepaar Sternbuch, mehrere hundert jüdische Flüchtlinge in die Schweiz zu holen und ihre Weiterreise in sichere Asylländer zu organisieren.

Wann wird
Ungehorsam zur Pflicht?

Weiterlesen

Kanyar Becker, Helena (Hg.): Vergessene Frauen. Humanitäre Kinderhilfe und offizielle Flüchtlingspolitik 1917–1948, Basel 2010.

Loewy, Hanno; Einetter, Raphael: Über die Grenze. 52 Fluchtgeschichten zwischen Bodensee und Gebirge 1938–1945, Hohenems 2023.

Schmidlin, Antonia: Eine andere Schweiz. Helferinnen, Kriegskinder und humanitäre Politik (1933–1942), Zürich 1999.

Unabhängige Expertenkommission Schweiz – Zweiter Weltkrieg (Hg.): Die Schweiz und die Flüchtlinge zur Zeit des Nationalsozialismus, 2. Auflage, Zürich 2016.