
Freundinnen im Ehrenamt
Die Industrialisierung zwingt Menschen auf der Suche nach Arbeit zur Mobilität. Der Verein Freundinnen junger Mädchen (FJM) unterstützt junge Frauen im ausgehenden 19. Jahrhundert dabei und versucht, sie auf den richtigen Weg zu bringen.
Neue Freiheiten, neue Gefahren?
Immer mehr Menschen ziehen gegen Ende des 19. Jahrhunderts auf der Suche nach Arbeit in die Städte. Gerade für junge Frauen bieten sich dort neue Einkommensmöglichkeiten in Haushalten, in der Heimarbeit und in Fabriken. Wichtiger Brennpunkt ist der Bahnhof.
Die zunehmende Mobilität verschafft jungen Frauen neue Freiheiten. Doch sie setzt sie auch neuen Risiken aus und provoziert moralische Panik. Sittlichkeit ist das Schlagwort, mit dem die bürgerliche Gesellschaft dem Kontrollverlust begegnet. Insbesondere die Prostitution wird zum Thema, über das die neuen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Verhältnisse überall in Europa verhandelt werden.
Mit dem Ziel, reisende junge Frauen vor betrügerischen Stelleninseraten, Prostitution, Gewalt und Menschenhandel zu schützen, entsteht 1877 unter dem Vorsitz von Marie Humbert-Droz (1819–1888) der Internationale Verein Freundinnen junger Mädchen (FJM) mit Sitz in Neuenburg. 1886 bildet sich auch eine Schweizer Sektion.

Freundinnen in der ganzen Welt

Das Zeichen der FJM, ein Stern mit sieben Zacken, ist programmatisch für das Selbstverständnis des Vereins. Die Zacken symbolisieren die sieben Länder, aus denen die 33 Mitgründerinnen stammen: Belgien, Dänemark, Deutschland, England, Frankreich, die Niederlande und die Schweiz.
Der Verein FJM ist von Anfang an transnational organisiert. Damit sind die «Freundinnen» einer der ersten Schweizer Frauenvereine, die sich über die Landesgrenze hinaus vernetzen. Ihr Netzwerk spannt sich von Europa über Nordafrika bis nach Südamerika. Die Karte zeigt, in welchem europäischen Land sich um 1900 wie viele «Freundinnen» engagieren. Auffällig viele leisten in der Schweiz Freiwilligenarbeit.
Die «Freundinnen» passen junge, allein reisende Frauen am Bahnhof ab, betreuen sie und bieten in sogenannten Marthahäusern günstige Unterkunft an. Auch holen sie Erkundigungen zu Stelleninseraten ein und vermitteln über ihr internationales Netzwerk seriöse Anstellungen im In- und Ausland. Ausserdem schalten sie Inserate, hängen Plakate auf und informieren die Öffentlichkeit über die Notwendigkeit ihrer freiwilligen Arbeit.
Woran man eine Freundin erkennt





Gegen Prostitution und Mädchenhandel

Auf Flugblättern warnen die FJM vor den trickreichen Machenschaften der Menschenhändler. Mit ihrem Engagement versuchen sie zu verhindern, dass junge Frauen auf falsche Stelleninserate hereinfallen und in die Fänge sogenannter Kuppler geraten. Doch für viele junge Frauen aus armen Verhältnissen ist Sexarbeit eine Überlebensstrategie in ökonomischen Notlagen.
Prostitution ist ein bürgerliches Schreckgespenst, die Figur der Prostituierten eine Chiffre zur Verhandlung der Geschlechterbeziehungen und Klassenverhältnisse. Die «Freundinnen» wollen den jungen Frauen der Unterschicht deshalb auch bürgerliche Werte und Normen vermitteln. Bezeichnend dafür ist, dass es in den Marthahäusern nicht nur Essen gibt, sondern auch gemeinsame Strick- und Spielabende. Mit diesem Angebot soll eine sittliche Atmosphäre geschaffen werden, in der junge Frauen Arbeit, Vergnügen und Geselligkeit möglichst abseits einer unberechenbaren Öffentlichkeit verbinden können.
Wann wird Hilfe zur Bevormundung?
Ambivalenzen der Freiwilligkeit
Der Verein FJM entsteht in einer Zeit, in der Frauen über keine politischen Rechte verfügen und kaum berufliche Perspektiven haben. Die Gemeinnützigkeit bietet die Möglichkeit ausserhäuslicher Aktivität und damit Zutritt zur Öffentlichkeit. Im Rahmen einer gesellschaftlich akzeptierten Arbeitsteilung erschliessen Frauen sich neue Tätigkeitsgebiete, die sie zunehmend professionalisieren und teils auch in bezahlte Anstellungen umwandeln.
Dieses Einfallstor bleibt jedoch mehrheitlich einer privilegierten Schicht vorbehalten: Die meisten «Freundinnen» stammen aus dem städtischen Bürgertum; auf dem Land engagieren sich vor allem Pfarrfrauen. Nur sie können sich die unbezahlte Gemeinnützigkeit überhaupt leisten. Viele sind von bürgerlichen Wertvorstellungen und christlicher Nächstenliebe motiviert.
Die «Freundinnen» verschaffen und sichern jungen Frauen neue Erwerbs- und Ausbildungsmöglichkeiten. Ihr Schutz vor Ausbeutung und Notlagen hat aber stets auch eine erzieherische Funktion. Diese besteht für die Helferinnen in der sittlich-moralischen Anleitung junger Frauen, vor allem solcher aus der Arbeiter:innenschicht, die sie als besonders gefährdet betrachten. Durch Beratung, Aufsicht und die Vermittlung bürgerlicher Werte sollen ein respektabler Lebenswandel und die Anpassung an die Geschlechterverhältnisse der damaligen Zeit garantiert werden.
«Mit sicherem Blick soll sie das geringste zweideutige Vorgehen erfassen und über grosse Geistesgegenwart verfügen, um komplizierte Fälle rasch zu erledigen.»
Was muss eine Freundin können?
In der Zeitschrift der FJM mit dem Titel «Aufgeschaut! Gott vertraut!» werden 1926 die Anforderungen an eine «Freundin» formuliert: «Erstens, dass sie ein Abzeichen trage, das einige unschön und schwerfällig finden; dann dass sie unauffällig, aber sorgfältig gekleidet sei, weder zu elegant, noch zu einfach. Man verlangt von ihr, dass sie ausser ihrer Muttersprache noch eine oder zwei Sprachen spreche, stets guter Gesundheit und heiterer, angenehmer, freundlicher Stimmung sei; ferner über ein feines Taktgefühl verfüge, das ihr ein gutes Einvernehmen mit dem Bahnhofspersonal sichert, ohne mit diesem auf vertraulichem Fuss zu stehen.»
Neben solchen sozialen und sprachlichen Fähigkeiten sind Verbindlichkeit und grosse Sorgfalt gefragt. Die Adresslisten der «Freundinnen» und ihrer Verbündeten aus der ganzen Welt müssen minutiös nachgeführt werden. Sie stellen das Herzstück der Vermittlungsarbeit dar.
Die «Freundinnen» verpflichten sich zur aktiven Mitarbeit und werden sorgfältig ausgewählt. Anfangs müssen sie durch zwei bestehende Mitglieder empfohlen werden. Ein Grossteil der Arbeit verrichten sie ehrenamtlich. Einzelne Stellen werden mit der Zeit entlohnt.
Weiterlesen
Hürlimann, Esther; Largiadèr, Ursina; Schoeck, Luzia: Das Fräulein vom Bahnhof: Der Verein Freundinnen junger Mädchen in der Schweiz, Zürich 2021.
Mesmer, Beatrix: Ausgeklammert – Eingeklammert. Frauen und Frauenorganisationen in der Schweiz des 19. Jahrhunderts, Basel 1988.









